Hermannsweg

Sicher wisst ihr alle, dass es Pilgerwege gibt. Der Bekannteste ist vielleicht der Jacobsweg (spätestens durch das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Harpe Kerkeling). Vor einigen Jahren erzählte mir meine jüngste Tochter, dass sie so gern einmal den Jacobsweg gehen würde. Mir hat die Idee gefallen, doch als pragmatische Mutter schlug ich ihr vor, doch erst einmal das Naheliegendste zu tun, nämlich den Hermannsweg zu gehen. Schließlich läuft er quasi an unserer Haustür vorbei. Mein liebes Kind nahm den Rat dankend an und so war die Idee entstanden, den Hermannsweg zu wandern – und zwar gemeinsam: Mutter und Tochter. Das alles ist ca. drei Jahre her. Wir planten damals die Wanderung und buchten Übernachtungsquartiere, starteten in Rheine und wanderten in zwei Etappen bis Bad Iburg …. dann streikte eines der vier Knie. Es ging wirklich gar nichts mehr. Was für eine Enttäuschung! Die Tour haben wir abgebrochen, doch meiner Tochter ließ es keine Ruhe. Sie wollte unbedingt den Hermannsweg weiter laufen. Einmal eine echte Pilgerroute durchlaufen! Das Projekt beenden! Wir nutzten nun ihre Semesterferien, planten kürzere Etappen als damals und übernachteten zuhause in Bielefeld. Also los …. ein Urlaub begann, der zumindest meine Reset-Taste gedrückt hat …. komplett.

Die Startbasis war der Bielefelder Bahnhof. Hier in der Morgensonne:

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Es ist schön, die Stadt am frühen Morgen zu erleben. Die Menschen hetzen, alle müssen irgendwo hin. Nur wir outeten uns mit unseren Rucksäcken, klobigen Wanderschuhen und Wanderstöcken aus Haselnuss als Urlauber … und ernteten einige wohlwollende und auch neidische Blicke. In Bad Iburg angekommen, war die Sonne hinter den Wolken verschwunden. Wir zogen also die Reißverschlüsse unserer Regenjacken nach oben und stapften gut gelaunt in den Wald.

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Der Buchenwald in seiner Stille, ist selbst ohne Sonne wunderschön. Wir genossen die menschenleere Natur … sprachen selbst auch nicht viel. Ich mag es, wenn man auch gemeinsam schweigen kann. Einfach in einer verbindenden Ruhe den Gleichschritt genießen … dem Aufschlagen der Wanderstöcke und dem Vogelgezwitscher zu lauschen.

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Der Weg führte uns durch ganze Bärlauchfelder. Diese Mengen waren beeindruckend und der Duft überwältigend. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte lieber die Blätter gepflückt, als weiter zu wandern.

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Klar, das Wetter hätte schon besser sein können! Wir sind nass geworden und der Sturm hat uns getrocknet! Wir sind mit Hagel malträtiert worden und die Sonne hat uns wieder gewärmt. Ein echter deutscher April! Aber es machte uns nichts aus. Ganz im Gegenteil, je unfreundlicher das Wetter wurde, umso lauter wurden unsere Lieder. Ja, wir haben alte Volkslieder aus den Erinnerungen geholt und wenn uns der Text nicht mehr einfiel, wurde improvisiert. Das hat uns sehr viel Spaß gemacht!!!

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Ausschau nach Wildschweinen mit Frischlingen ……

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Wir haben das Wandern wirklich ruhig angehen lassen und auch mal einen Tag pausiert: z. B. in der Sauna! Dort konnte ich natürlich keine Fotos machen. Aber bei unserer Verpflegung waren wir knallhart! Es wurde täglich nur eine Pause eingelegt, während der wir uns mit Rhabarber, Äpfeln und Mandeln „gestärkt“ haben. Über den Tag verteilt gab es für jeden noch 3 Liter Wasser. Schließlich sollte der Wanderurlaub gleichzeitig unsere „Detox-Woche“ sein: Stoffwechsel ankurbeln + wenig essen + viel trinken + gaaaanz viel Sauerstoff in uns hineinpumpen = Entgiftung.

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Die Rapsfelder am Waldrand lassen sich vom Wetter auch nicht beeindrucken. Sie beginnen zu blühen. Wie wir! Von Tag zu Tag wurden unsere Wangen rosiger, das Gedankenkarussell im Kopf ruhiger und die Blasen am Fuß taten nicht mehr so weh.

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Hier ruht Friederike Luise Delius, eine einflussreiche und wohlhabende Hallenserin. Sie tröstet den Besucher mit der Inschrift „Weinet nicht, mir ist wohl.“ Also ich möchte lieber auf meinem Grabstein geschrieben haben:

„Glotzt nicht so, ich würde jetzt auch lieber am Strand liegen!“ … oder so ähnlich …

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Der Blick auf Halle

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Hier haben wir ein altes, windschiefes Hexenhäuschen entdeckt … umrandet von einem verwilderten Garten, der trotz alledem eine liebevolle Handschrift trägt.

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… und einen kleinen Spanner in sich versteckt hält

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Und immer wieder Buchen, die romantisch verlaufende Wege umsäumen.

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Aha! Hier ist mal wieder Pausenzeit. Warten auf den Kaffee …

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Gekocht im Trangia

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Und was ist hier los? In der Nähe von Werther steht oben auf dem Bergkamm ein geschmücktes Tannenbäumchen. Welche Familie war denn da so naturverbunden, das Weihnachtsfest direkt im Wald zu feiern? Und „freundlicherweise“ den Schmuck gleich für das nächste Jahr hängen zu lassen???

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Der Hermannsweg durch Bielefeld hat auch etwas zu bieten: Wölfe im Gehege ….

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und einen Wal in wilden Gewässern ….

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und auch mal wieder Morgensonne auf dem Weg nach Oerlinghausen

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„Los Mama! Nicht ausruhen und sonnen!“ …. Ja, ja! Ich komm‘ ja schon!

Übrigens sind Wanderstöcke aus Haselnuss richtig gut! Das Geld für teure Walkingstöcke muss man für so eine Wanderung wirklich nicht ausgeben. Aber ein Stock ist schon wichtig. Ich würde nicht mehr ohne gehen.

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Immer wieder halten wir inne und bewundern die Schönheit der Erde.

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Kukuk …. ich bin hier

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In Oerlinghausen angekommen. Es ist relativ warm und wir sind mit uns zufrieden.

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Ach so, am Ende eines Wandertages gab es auch immer „Detox-Essen“. An diesem Tag hatten wir Brokkoli mit etwas rotem Palmöl, Weißkrautsalat, Brennessel-Smoothie und Fruchtjoghurt vorbereitet. Und wisst ihr was: viel Wandern und wenig essen ist eine gute Kombination. Wir hatten gar nicht viel Hunger.

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Ein Blütenmeer vor einem blauen Himmel …. wenn es richtig warm gewesen wäre, hätte ich stundenlang im Gras gelegen und dieses Bild genossen …. Frühling weckt Lebensfreude!

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Auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen ein Kriegsdenkmal … für die Helden und Opfer aus dem 1. Weltkrieg. Mein Gott, wie viele junge Männer wurden – und werden immer noch – in den Krieg getrieben und müssen dort ihr Leben lassen … wegen irgendwelcher Idioten

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Bäume sind wirklich lustige Pflanzen. Sie streiten sich … wachsen auseinander … dann vertragen sie sich und kuscheln sich zusammen. Ich konnte es hören! Sie haben sich gestritten, weil niemand den Müll runter bringen will! Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe! …… Oh, ich glaube, ich leide schon unter Wander-Wahnvorstellungen ….

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Leider zu kalt zum Schwimmen

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Voilà …. der stolze Hermann. Leider präsentierte er sich nicht im Sonnenschein. Wir sind also schnell weiter, um unsere Körperwärme zu halten (außerdem haben wir beide Höhenangst und wären eh nicht hoch gegangen).

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Nach dem Hermannsdenkmal kommt man in einen Geisterwald.

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Hier spuken noch die Geister der Römer ……. uuuuuhhhhhhh

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Als ich mich mit ihnen anfreunden wollte, sind sie abgehauen. Die alten Schisser!

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Zum Glück können Magnolien nicht laufen. Sind sie nicht wunderschön ….

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Weiter geht es am Bach entlang …

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Und wieder nach oben durch Heidelbeersträucher

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Bis zu den Externsteinen. Sehen sie nicht aus wie vertrocknete Dinosaurier? So blau-grau und schrumpelig. Wir klettern natürlich auch nicht da rauf, sondern betrachten das Treiben, trotz des kalten Windes. Wir haben Pausenzeit und verziehen unsere Gesichter, wegen des sauren Rhabarbers …..

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Ein Hagelsturm lässt uns schnell wieder alles einpacken und beschleunigt unseren Laufschritt. Wir wollen nicht kalt werden. Unseren Kaffee kochen wir später in einer Schutzhütte.

Simsalabim, Wolken wieder weg, Sonne lacht und ach – wieder ein Bach.

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Dieses Stück ist besonders schön. Nicht nur, weil nun die Sonne scheint! Der Weg entlang des Baches ist ein Traum. Schaut euch nur mal den vermoosten Waldboden an.

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Schöne Wurzelwege. Nicht einfach nur lang trotten … sondern jeden Schritt genießen

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Wir sind nun am Ende des Weges angekommen. Hier hatten wir noch einmal einen Ausblick auf das Hermannsdenkmal. Leider konnte ich das mit der Kamera nicht einfangen. Nun folgt nur noch der Abstieg.

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Ich bin stolz auf uns beide. In fast 100 km haben wir nicht nur landschaftlich Höhen und Täler durchschritten, auch die Motivation ging hoch und runter. Eine Wanderung ist eben auch das wahre Leben. Gut zu wissen, dass nach jedem Tief auch immer ein Hoch folgt und die meisten Sachen einfach nur die richtige Einstellung brauchen – und die holen wir uns aus dem Kopf!

Wie sagt Robert Betz immer so schön: Dein Herz bestimmt, wohin du willst und dein Kopf muss den Weg dorthin finden!

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So elegant konnte ich mich am Ende leider nicht niederlassen ….

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Ich war matsche …. aber glücklich!

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3 Gedanken zu “Hermannsweg

  1. Wie schön! Endlich mal ein Bericht über einen schönen Weg, der nicht der Jacobsweg ist! Ich wandere auch sehr gerne, aber der Jacobsweg ist mir viel zu touristisch und bestimmt auch zu voll…
    Der Herrmannsweg ist eine prima Alternative, danke für die schönen Bilder!
    Ich gaub, das wär auch was für mich 🙂
    liebe Grüße, Petra

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  2. Abenteuer „pur“ und ein ereignisreicher Tag! Danke, dass du uns „mitgenommen“ hast und dazu noch einen humorvollen Bericht geschrieben.
    Liebe Grüße,
    Claudia

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